Frauenarbeit
Tchibos "neue Welt" auf wessen Kosten?
(TERRE DES FEMMES). Im Rahmen der internationalen Kampagne für ´Saubere Kleidung´ hat der Frauenrechtsverein einen aktuellen Bericht über die Arbeitsbedingungen bei den Lieferanten von Tchibo in Bangladesch veröffentlicht.
Tchibo verkündet: „Jede Woche eine neue Welt.“ Damit werden die KundInnen angelockt. Jede Woche eine neue Welt? Nicht für die Näherinnen von Tchibo-Kleidung in Billiglohnländern. Für diese Näherinnen ist jeder Tag die alte Welt: eine Welt gesundheitsschädlicher, menschenunwürdiger Plackerei, eine Welt der Unterbezahlung, eine Welt von bis zu 90 Arbeitsstunden an sieben Tagen in der Woche, eine Welt der sexuellen Belästigung, eine Welt der totalen Überwachung, eine Welt der Unfreiheit, in der es den Arbeiterinnen nicht erlaubt ist, sich gewerkschaftlich zu organisieren.
Tchibo vertreibt neben Kaffee rund 400 bis-500 Textil/ Bekleidungsprodukte mit der hauseigenen Marke TCM. Der Non-Food Bereich macht über die Hälfte des Umsatzes von Tchibo aus. Damit ist Tchibo der achtgrößte deutsche Textilhändler. Er vertreibt seine Produkte aber auch zusätzlich in Lebensmittelmärkten, Drogerien, Tabak-/Zeitschriftenläden, sogar in Baumärkten. Kein Ort, wo die neue Welt nicht die VerbraucherInnen erreicht.
Während es Tchibo jedes Jahr besser geht und das Unternehmen trotz der allgemeinen Wirtschaftsflaute seinen Umsatz in 2003 um 8 Prozent auf 3,3 Milliarden Euro steigern und einen Gewinn von 300 Millionen Euro erwirtschaften konnte, geht es den Arbeiterinnen immer schlechter. Die Kleidung von Tchibo wird in so genannten Billiglohnländern hergestellt, von jungen Frauen zu miserablen Arbeitsbedingungen und Hungerlöhnen! Tchibo kann die Preise diktieren und zahlt immer weniger und das hat Folgen für die Löhne. Tchibo macht seine Gewinne auf dem Rücken der Arbeiterinnen.
Die Lieferanten klagen: In jeder Saison werden die Preise gedrückt, alle sechs Monate wird neu verhandelt. Rund 10 Prozent seines Nonfood-Sortiments vergibt Tchibo inzwischen über Internet-Auktionen und das heißt: Der billigste Anbieter bekommt den Auftrag. Damit stehen die Lieferanten unter einen unglaublichen Druck, den sie an die Arbeiterinnen weitergeben. Die Arbeiterinnen müssen für immer weniger Geld immer mehr produzieren.
Arbeitsbedingungen vor Ort interessieren den Konsumgüterriesen nicht, obwohl sich Tchibo einen „Sozialen Verhaltenskodex“ zugelegt hat. Wer aber kennt diesen Verhaltenskodex? Die Lieferanten? Die Arbeiterinnen? Auf Nachfragen, ob die Arbeiterinnen über den Sozialen Verhaltenskodex von Tchibo informiert seien, zeigen sich die Tchibo-Manager völlig überrascht. Niemand bei Tchibo scheint bis heute darüber nachgedacht zu haben, die Arbeiterinnen über ihre Rechte zu informieren. Wie kann eine Arbeiterin menschenwürdige Arbeitsbedingungen einklagen, wenn sie dieses elementare Recht, das ihr zusteht, gar nicht kennt? Nicht einmal auf der Webseite des Unternehmens ist der Verhaltenskodex zu finden. Auch hier zeigt sich Tchibo überrascht. Bisher habe sich niemand für den Kodex interessiert. Wie aber können sich lokale Nicht-Regierungsorganisationen über die sozialen Bedingungen, die der Großkonzern Tchibo für alle seine Vertragspartner vorgibt, informieren? Ohne Transparenz und Öffentlichkeit ist der Soziale Verhaltenskodex von Tchibo nicht mehr als sein Papier Wert. Zudem garantiert der Verhaltenskodex von Tchibo nicht einmal das Recht auf Vereinigungsfreiheit und das Recht auf Tarifverhandlungen. Die Arbeiterinnen sind vollkommen rechtlos und vollkommen wehrlos.
Tchibo hat zwar eine Audit-Firma engagiert, die die Einhaltung ihres Verhaltenskodex in den Produktionsstätten überprüfen soll. Aber wie unabhängig kann eine solche Firma ihre Kontrollen ausüben? Die Firma wird von Tchibo bezahlt und verspricht, dass kein Kontrollbericht in die Öffentlichkeit gelangt. Lokale Gewerkschaftler oder Vertreter von Nicht-Regierungsorganisationen wird der Zutritt in die Produktionsstätten verweigert. Es kann sich demnach nicht um unabhängige Kontrollen handeln.
Zum Beispiel Bangladesch
Bangladesch lebt von der Bekleidungsindustrie, die rund 76% seiner Exporterlöse erwirtschaftet. Es ist der einzige große Industriezweig in dem Agrarland, das zudem jährlich von Flutkatastrophen heimgesucht wird. Von einer Bevölkerung von 140 Millionen arbeiten ca. 2 Millionen in über 3000 Fabriken, die Kleidung für den Weltmarkt produzieren. Ca. 90 Prozent der ArbeiterInnen sind junge Frauen bis zum Alter von 25 Jahren. Die Frauen werden sofort entlassen, wenn sie versuchen sich zu organisieren.
Die Bekleidungsfabriken schossen in den 80iger Jahre wie Pilze aus dem Boden. Unternehmer wandelten Privathäuser in Fabriken um, die bis heute über keine ausreichende Sicherheitsstandards verfügen. Die Frauen werden in die „Fabriken“ eingesperrt, die Tore werden verriegelt. Bei Feuerausbrüchen verbrannten in den letzten 14 Jahren rund 300 Arbeiterinnen und an die 150 wurden verletzt. Notausgänge waren verschlossen, Fluchtwege versperrt.
Im Dezember 2004 wird das Welttextilabkommen auslaufen, das in den vergangenen Jahren einzelnen Produzentenländern wie Bangladesch Quoten für ihre Exporte an die EU eingeräumt hatte. Ab 2005 soll es aber keine Quoten mehr geben. Die Weltbank prophezeit einen „Schock“ für viele Produzentenländer, denn die Bekleidungsindustrie wird in die wettbewerbsfähigen Lieferländer abwandern, insbesondere nach China. Dort sind die Rahmenbedingungen für sie am günstigsten (z.B. keine freien Gewerkschaften in China, hohe Produktivität der Arbeiterinnen). Für Bangladesch kann dies der Verlust von ca. eine Million Arbeitsplätzen bedeuten.
Eine Arbeiterin berichtet: „ Den Lohn erhalte ich immer erst einen halben Monat später, die Überstunden werden nicht richtig gezählt und erst am Ende des folgenden Monats bezahlt. Wenn ich einen Tag fehle, werden mit 2 Tage vom Lohn abgezogen. Um auf die Toilette zu gehen, muss ich mich in eine Warteliste eintragen. Die Luft ist schlecht, es ist sehr eng und nicht sauber, deshalb habe ich öfters Kopfschmerzen und auch Fieber.“
Eine andere Arbeiterin sagt: „Ca. 700 Arbeiterinnen arbeiten auf einer Etage, für die es gerade mal 4 Toiletten gibt. Die Aufseher erlauben uns nicht, miteinander zu sprechen. Urlaub oder Krankheitstage gibt es nicht, eine Versicherung auch nicht. Frauen werden schlechter als die Männer behandelt, sie werden beschimpft, zum Teil an den Haaren gezogen. Die Fabrik bezahlt „Muskelmänner“, die die Arbeiterinnen einschüchtern und bedrohen.“
Die Kampagne für 'Saubere’ Kleidung – Clean Clothes Campaign
Die CCC (Clean Clothes Campaign, ein Zusammenschluss in Deutschland von Initiativen aus beiden Kirchen, den Gewerkschaften IG Metall und Ver.di sowie Frauen- und Dritte Welt-Nichtregierungsorganisationen) hat zum Ziel, die Öffentlichkeit in Deutschland auf die massive Verletzung von Arbeits- und Menschenrechten in der Bekleidungsindustrie hinzuweisen und durch Druck auf Händler wie Tchibo die Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen in den Billiglohnländern zu verbessern.
Seit 1990 engagiert sich die CCC in Europa zusammen mit ihren PartnerInnen im Süden und Osten für „saubere“ Kleidung: Kleidung, die unter menschenwürdigen Arbeitsbedingungen hergestellt wird. Tchibo gehört neben Aldi und Lidl zu den so genannten Billiganbietern, die Massenware zu Niedrigstpreisen auf den Markt werfen – ohne Rücksicht darauf, unter welchen Bedingungen diese Waren hergestellt werden.
Weitere Informationen unter www.terre-des-femmes
(Montag, 24.01.)
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