Für Integrationspreis nominiert
In Dietzenbach kommt es auf Teamgeist an
(DFB). Die Stadt Dietzenbach bei Frankfurt ist für den Integrationspreis des DFB nominiert worden. „Die lokale Vernetzung, die Förderung des Mädchenfußballs und der Elternarbeit sind in Dietzenbach vorbildlich. Deshalb hat unsere Jury mit DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger und Oliver Bierhoff Dietzenbach ausgewählt“, sagt DFB-Vizepräsident Rolf Hocke.
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| Foto: DFB |
Dietzenbach, 22 Kilometer südöstlich von Frankfurt, ist nicht Deutschland. Schon gar nicht ist die Demografie des Spessartviertels, einer Siedlung mit schmucklosen zwölf Stockwerke hohen Wohnblöcken, unbedingt typisch für Deutschland.
40 Prozent der knapp 35.000 Dietzenbacher sind Ausländer oder haben einen Migrationshintergrund. Noch deutlicher wird die Verteilung bei jüngeren Jahrgängen. Bei den Einschulungen waren 70 Prozent der Dietzenbacher Kinder Ausländer oder hatten ein aus dem Ausland stammendes Elternteil. Im Spessartviertel wohnen 3200 Menschen, fast alle in einem der fünf grauen Blöcke. 98 Prozent der Bewohner des Viertels sind Ausländer oder Migranten. Nirgendwo im gesamten Kreis Offenbach grassiert größere Arbeitslosigkeit. Das Spessartviertel, da muss man nichts schönreden, ist ein sozialer Brennpunkt.
Genau hier unterstützt der Deutsche Fußball-Bund durch die Nominierung für den DFB- und Mercedes Benz Integrationspreis die geleistete soziale Arbeit. Hilfe dort, wo Hilfe wirklich benötigt wird. So wurden im Dietzenbacher Spessartviertel durch das vom Bund und vom Land geförderte Projekt „Wir bewegen uns“ neue Mitglieder für den Kreisoberliga-Klub FC Dietzenbach geworben, und dadurch ausländische und migrantische Mitbürger ins gesellschaftliche Leben der Stadt integriert. Schon seit zwei Jahren wird das DFB-Projekt „Soziale Integration von Mädchen durch Fußball“ an vier Grundschulen und zwei weiterführenden Schulen erfolgreich angeboten.
Dietzenbacher Sozialarbeit nominiert für Integrationspreis
Seit 30 Jahren arbeitet der Diplompädagoge Hans-Jürgen Daum in Dietzenbach. Es gibt leichtere Jobs, doch der 56 Jährige ist keineswegs amtsmüde. „Die Entwicklung stimmt mich zuversichtlich. Gerade über den Sport erreichen wir viele Ausländer und Migranten, und stärken damit direkt die Sprachkompetenz.“ Daum leitet die im Fachbereich „Soziale Dienste“ angesiedelte Abteilung „Jugendhilfe und Soziale Arbeit“. Er hat 17 Mitarbeiter, das Jahresbudget liegt bei 1,2 Millionen Euro, die Personalkosten eingerechnet. Da ist man dankbar für jeden Euro extra, etwa auch für ein Preisgeld vom DFB und Mercedes Benz.
Der DFB- und Mercedes-Benz Integrationspreis ist mit 150.000 Euro in Geld- und Sachpreisen dotiert. Drei Mercedes-Transporter werden an die Erstplazierten in den Kategorien „Schule“, „Verein“ und „Projekt“ vergeben. Seit 2007 wird der Preis jährlich verliehen. DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger sagt über die Zielsetzung: „Mit dem Integrationspreis wollen wir vorbildliche Maßnahmen auszeichnen, die die Integration von Kindern und Jugendlichen – insbesondere von Mädchen – mit Migrationshintergrund durch Fußball fördern. Vor dem Hintergrund, dass Menschen ausländischer Herkunft im Fußball bisher nicht ausreichend als Funktionsträger vertreten sind, sollen zudem Initiativen gewürdigt werden, die zur Integration von Migranten in ein Fußball-Ehrenamt beitragen.“ 2010 findet die Preisgala im Rahmen des Frauen-Länderspiels gegen Nordkorea in Duisburg statt. Die Nominierten werden vom DFB nach Duisburg eingeladen.
Dietzenbach Standort des DFB-Projekts "Soziale Integration"
Dietzenbach war einer der ersten Standorte des DFB-Projektes „Soziale Integration von Mädchen“, dass mittlerweile in 35 Städten Deutschlands praktiziert wird. Die Idee, die dahinter steckt, funktioniert, weshalb mehrere Bundesländer inzwischen eigene Standorte finanzieren. In Stadtteilen mit hohem Migrantenanteil wird Schülerinnen angeboten, am Nachmittag eine oder zwei Stunden Fußball zu spielen. Gerade Mädchen aus muslimischen Familien nehmen traditionell selten Sportangebote wahr. Doch die Aktivierung – ursprünglich ausgedacht hat sich das Projekt Dr. Ulf Gebken von der Universität Osnabrück - wirkt und alleine in Dietzenbach haben bereits 150 Mädchen, größtenteils aus dem Spessartviertel, an einer Fußball-AG teilgenommen. Nia Künzer war schon hier, OK-Präsidentin Steffi Jones auch.
Wichtig ist auch die zweite Projektphase: 23 Mädchen der Ernst-Reuter-Schule und der Heinrich-Mann-Schule machten im Anschluss an den ersten Kurs eine Ausbildung zur Fußballassistentin – wodurch sich ihre Sprachkompetenz und ihre Teamfähigkeit verbesserten. Bald leiteten die selbstbewussten jungen Frauen eigene Gruppen. Das Projekt trägt sich nach kurzer Zeit selbst, so auch in Dietzenbach. „Ich war sehr skeptisch am Anfang. Mädchen aus marokkanischen oder türkischen Familien und Fußball spielen? Das konnte ich mir nicht so richtig vorstellen. Heute erlebe ich bei Turnieren den Enthusiasmus, mit dem die Väter ihre Töchter anfeuern. Der Fußball hat dazu beigetragen, dass sich die Kulturen annähern“, so Hans-Jürgen Daum. Und durchaus kontrovers sagt Daum weiter: „Männer sind Entwicklungs-resistent. Die Integrationsbewegung geht heute von den Frauen aus.“
Zum Beispiel Salima und Siham. Die beiden 20-jährigen deutschen Frauen mit marokkanischen Wurzeln haben in Dietzenbach Abitur gemacht und studieren heute an der Goethe-Universität in Frankfurt - Salima Mathematik und Erdkunde auf Lehramt, Siham Pädagogik auf Diplom. In ihrer Freizeit geben beide Nachhilfestunden im Jugendzentrum im Spessartviertel. „Als Kinder haben wir selbst die Angebote des Jugendzentrums genutzt. Im Laufe der Zeit hat sich ein Verantwortungsgefühl für die Kinder und die Einrichtung entwickelt“, sagt Salima Driouch. Die Offenbach Post berichtete im November über das ehrenamtliche Engagement der Studentinnen aus dem Spessartviertel. Salima und Siham helfen auch mit bei „Wir bewegen uns“, einem Projekt der „Hessischen Gemeinsschafts-Initiative Soziale Stadt“ (HEGISS). Auch hier wird der Sport genutzt, um Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft zusammen zu bringen, Grenzen zu überwinden, Parallelgesellschaften aufzubrechen. Die angebotenen Kurse, etwa Kinderturnen oder Aerobic und Rückenschule für gestresste Mütter, sind längst ausgebucht. „Es geht um Teilhabe“, sagt Jan Thielmann von der Projektleitung. „Leute müssen die Chance bekommen, sich weiter zu entwickeln. Sport ist ein ideales Mittel zur ersten Ansprache.“
Dietzenbach hat die Jury überzeugt
Und kein Sport trifft bei den Menschen aus vielen Ländern im Spessartviertel auf größere Begeisterung als der Fußball.
Hans-Dieter Daum und sein engagiert arbeitendes Team haben gerade in Wochenend-Kursen 16 sogenannte Integrationslotsen ausgebildet, die als Multiplikatoren in ihren Nachbarschaften, Freundeskreisen und Familien wirken sollen. Nun versucht Daum den Bau eines Stadtteilzentrums im Spessartviertel voranzutreiben, aber „da sind wir noch mitten in der Überzeugungsarbeit“. Die Jury des DFB- und Mercedes Benz-Integrationspreises hat Dietzenbach bereits überzeugt. Ob es der 1., 2. oder 3. Preis wird, entscheidet sich im Februar in Duisburg.
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(Donnerstag, 17.12.)
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